Nachhaltiges Bauen: Zertifikate im Überblick
Nachhaltiges Handeln und das Bewusstsein für Nachhaltigkeit werden in der Gesellschaft und auch in der Baubranche immer relevanter. Nachhaltigkeitszertifikate helfen bei der Sichtbarkeit und bieten Orientierung für Bauherren bei der Gestaltung des Projekts.
In unserem monatlich erscheinenden Podacast „SHOWROOM – ein OTTO WULFF Podcast” haben sich unsere Expertinnen Sophie Fiedler und Henriette Breede genau zu diesem Thema ausgetauscht. Gemeinsam mit Erik Schulze sprechen die beiden über die größten Vorteile der Zertifikate und Herausforderungen, die unseren Teams im Alltag auf der Baustelle begegnen.
Hier geht es direkt zur dritten Folge von: SHOWROOM – ein OTTO WULFF Podcast
Was sind Nachhaltigkeitszertifikate in der Baubranche?
Ein Zertifikat für nachhaltige Gebäude ist ein unabhängiger Nachweis, dass ein Bauwerk bestimmte Anforderungen an Nachhaltigkeit erfüllt. Dabei werden u.a. ökologische, ökonomische und soziale Aspekte über den gesamten Lebenszyklus hinweg bewertet. Um eine objektive Vergleichbarkeit zu ermöglichen, wird vom Systemanbieter ein standardisiertes Bewertungssystem als Grundlage eingeführt. Die Bewertung und Vergabe der Nachhaltigkeitszertifikate erfolgt durch externe, unabhängige Zertifizierungsstellen.
Welche Nachhaltigkeitszertifikate gibt es im Bauwesen?
In Deutschland spielen insbesondere bei der Gebäudezertifizierung nach Nachhaltigkeitsstandards die Systeme von QNG, BNB, DGNB, NaWoh und BNG eine wichtige Rolle. International ist vor allem das LEED-Zertifizierungsverfahren aus den USA sowie BREEAM aus Groß Britannien anerkannt.
Obwohl sie ähnliche Nachhaltigkeitsziele verfolgen, unterscheiden sich die Systeme teils deutlich in Aufbau, Bewertungsmethodik und Anwendungsbereich. Während QNG und BNB eng an staatliche Vorgaben gekoppelt sind und häufig im Kontext von Förderprogrammen wie der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) eingesetzt werden, bieten DGNB, NaWoh und BNG mehr Flexibilität und werden häufig für freiwillige Zertifizierungen genutzt.
Welche Kriterien gelten bei Nachhaltigkeitszertifikaten?
Der Zertifizierungsprozess umfasst sowohl die Planung, den Bau und den Betrieb eines nachhaltigen Gebäudes. Grundlage ist ein ganzheitlicher Bewertungsansatz über den gesamten Lebenszyklus hinweg.
Diese Bewertung folgt in vielen Systemen ähnlichen Grundprinzipien, unterscheidet sich jedoch je nach Zertifikat in Struktur, Gewichtung und Detailtiefe.
Zu den Bewertungskriterien für nachhaltiges Bauen gehören:
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Ökologie: CO₂-Bilanz, Ressourcenverbrauch und Umweltauswirkungen über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes
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Ökonomie: Lebenszykluskosten sowie die langfristige Wirtschaftlichkeit eines Gebäudes
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Soziokulturelle Qualität: Nutzerkomfort, Aufenthaltsqualität, Gesundheit und Barrierefreiheit
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Technik: Energieeffizienz, technische Qualität und Wartungsfreundlichkeit
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Prozessqualität: Planungssicherheit, Ausführungsqualität und transparente Abläufe
OTTO WULFF: Nachhaltigkeitszertifizierung in der Praxis
Nachhaltigkeitszertifizierungen sind heute ein fester Bestandteil vieler Bauvorhaben und spiegeln die gestiegenen Anforderungen an Planung, Bau und Betrieb wider. Unser Team von OTTO WULFF hat sich diesen Entwicklungen angepasst und begleitet Projekte im Umgang mit diesen Anforderungen auf unterschiedlichen Ebenen.
In den vergangenen Jahren wurden bereits rund 50 Bauprojekte mit Gebäudezertifizierung nach Nachhaltigkeitsstandards (in Ausführung oder bereits abgeschlossen) von unserem Team betreut.
Dabei werden Projekte nach etablierten Zertifizierungssystemen wie DGNB, LEED, QNG, dem Umweltzeichen HafenCity Hamburg, NaWoh und BNB umgesetzt. Im Wohnungsbau gewinnt künftig zudem die Zertifizierung BNG an Bedeutung.
Die Begleitung erfolgt bei OTTO WULFF durch ein interdisziplinäres Team mit Erfahrung im nachhaltigen Planen und Bauen. Dazu zählen unter anderem unsere DGNB Auditorin und DGNB-Consultants, Fachingenieur*innen für nachhaltiges Bauen und Sanieren sowie qualifizierte Bauleiterinnen und Bauleiter. Sie unterstützen die Projekte entlang aller Phasen – von der Planung über die Umsetzung bis hin zur Zertifizierung.
Zu den bereits zertifizierten Projekten gehören das Großprojekt „Kolbenhöfe I“ in Hamburg-Ottensen, bei dem das Baufeld 8 (Musikschule) mit DGNB Gold zertifiziert wurde, ebenso wie die Stadtteilschule Kirchwerder, die ebenfalls mit DGNB Gold zertifiziert wurde. Auch das „Löwitz-Quartier“ in Leipzig erhielt ein DGNB-Vorzertifikat in Platin. In Berlin entsteht bis zum Jahr 2027 zudem das Projekt „Hey Charlottenburg“, das nach NaWoh 3.1 in Kombination mit QNG+ zertifiziert wird.
Weitere Beispiele für Bauprojekte mit Gebäudezertifizierung nach Nachhaltigkeitsstandards findest Du außerdem in unserem Nachhaltigkeitsbericht auf Seite 9 und 10.
Interview mit Silke Witt: Nachhaltigkeitszertifikate in der Baubranche und bei OTTO WULFF
Was bedeutet nachhaltiges Bauen für dich?
Nachhaltiges Bauen bedeutet für mich eine durchdachte, standortgerechte Planung und Umsetzung. Im Fokus steht ein möglichst einfaches Gebäude mit klarer, optimierter Tragstruktur, sowie sparsam an technischen Komponenten.
Entscheidend ist zudem ein stabiler Betrieb mit geringem Steuerungsaufwand und möglichst wenig Störanfälligkeit.
Langfristige Nutzungsperspektiven wie Flexibilität und Zukunftsfähigkeit sind dabei wichtiger als minimale Einsparungen beim CO₂-Ausstoß in der Herstellung. Jedes Projekt bringt eigene Rahmenbedingungen mit sich und genau das macht nachhaltiges Bauen vielfältig und anspruchsvoll.
Eine universelle Definition von „Nachhaltigkeit“ gibt es daher nicht.
Welche Nachhaltigkeitssiegel spielen in Deutschland aktuell die größte Rolle und worin unterscheiden sie sich grundsätzlich?
Bisher war das DGNB-Zertifikat das gängigste Siegel, doch mit der neuen Version 2023 und den gestiegenen Anforderungen nehmen wir hier einen Rückgang wahr. Stattdessen gewinnen NaWoh und BiRN an Bedeutung, vor allem aufgrund moderaterer Anforderungen und eines deutlich geringeren Dokumentationsaufwands. Denn oft sind es nicht die Materialkosten allein, die ein Gewerk teurer machen, sondern der Nachweisaufwand.
Grundsätzlich verfolgen alle Systeme die gleichen Nachhaltigkeitsziele, setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte. NaWoh legt beispielsweise großen Wert auf die Grundrissqualität von Wohnungen. Weichen diese Vorgaben von den Marktanforderungen ab, entscheiden sich Bauherren oft eher für DGNB oder BiRN.
Die DGNB fordert zudem die Einhaltung verbindlicher Mindestkriterien, etwa zur Barrierefreiheit nach DIN 18040, sowie eine detaillierte Materialdokumentation. Andere Systeme arbeiten hier teilweise mit vereinfachten Nachweisen.
Welche Vorteile bringt eine Zertifizierung für Bauherren, Investor*innen und Nutzer*innen eines Gebäudes? Was ist die Motivation hinter dem Mehraufwand?
Die Motivation ist in der Praxis meist wirtschaftlich geprägt: entweder durch Fördervorgaben oder bessere Vermarktungschancen. Aus rein idealistischen Gründen werden Zertifikate meiner Meinung nach nicht umgesetzt. Das ist nichts Negatives, denn man kann auch ohne Zertifizierung ein nachhaltiges Gebäude errichten.
Wie wird die passende Zertifizierung ausgewählt?
Bei Bürogebäuden orientiert sich die Wahl stark an Marktanforderungen und Vermietbarkeit – fehlende Zertifikate können hier zum Nachteil werden. Im Wohnungsbau hingegen hängt die Entscheidung meist direkt mit Förderprogrammen zusammen.
Hier entscheidet man sich unter den drei möglichen Siegeln (DGNB, NaWoh und BiRN) für das mit dem flexibelsten Anforderungskatalog, sowie dem geringsten Umsetzungsaufwand. Die Kosten für ein Zertifikat können bei größeren Projekten schnell mehrere Hunderttausend Euro betragen und müssen wirtschaftlich durch Fördermittel kompensiert werden.
Wie läuft eine Zertifizierung typischerweise ab?
Schon in der sehr frühen Planungsphase sollte der Bauherr ein Auditorenbüro hinzu ziehen mit dem er im engen Austausch mit dem koordinierenden Architekten erarbeitet, welche Nachhaltigkeitskriterien in dem Projekt umgesetzt werden sollen. Diese haben unmittelbare Auswirkungen auf Planung, Konstruktion und Ausstattung.
Spätere Anpassungen sind oft nur mit hohem Aufwand möglich. Zudem beeinflussen die Kriterien die Leistungen der Planungsbeteiligten und müssen frühzeitig klar definiert und kontinuierlich nachverfolgt werden.
Ein entscheidender Faktor ist die frühe Entscheidung für eine Zertifizierung – idealerweise ab Leistungsphase 2. Nur so können beispielsweise Variantenvergleiche in die Bewertung einfließen.
Die Aufgaben der Planer, der Bauunternehmen und auch der Bauherrn wird im sogenannten Pflichtenheft festgelegt. In der Praxis kommt es jedoch häufig zu Unklarheiten in der Zuständigkeit oder zeitlichen Zuordnung, weshalb ein enger Austausch zu Beginn essenziell ist. Hier startet unsere Unterstützung als Zertifizierungsabteilung für das Projekt.
Grundsätzlich ist wichtig, dass dem Bauherrn bewusst ist, dass ein Zertifikat nicht mit der Beauftragung eines Auditors erledigt ist. Zusätzliche Nachweise, die über die Planer oder weitere externe Fachleute erbracht werden, müssen beauftragt werden.
Welche Entwicklungen erwartest du in den nächsten Jahren im Bereich Nachhaltigkeitszertifizierungen?
Bei Bürogebäuden wird die Bedeutung von Zertifikaten stark durch Anforderungen der Finanzwelt geprägt – etwa durch Banken, Investoren und Fondsbewertungen von nachhaltigen Immobilien.
Im Wohnungsbau bleiben Zertifikate voraussichtlich weiterhin eng an attraktive Förderprogramme geknüpft.
Wie verändert sich die Arbeit bei OTTO WULFF, wenn es um Zertifikate geht?
Für uns als Generalunternehmer ist die Miterfüllung der Aufgaben aus dem Zertifikat eine zusätzliche vertragliche Leistung, die jede Abteilung betrifft: die Technik, die Ausschreibungsabteilung, der Einkauf und schließlich die Baustelle mit dem angegliederten Bauhof.
Den größten Aufwand tragen dabei die Baustellen, insbesondere in der Endphase eines Projekts, wenn Nachweise gebündelt erbracht werden müssen.